Futterkunde 1. Juli 2026 · ca. 10 Min. Lesezeit

Das Kleingedruckte: Wie du Hundefutter-Etiketten wirklich entschlüsselst

Hast du dir schon einmal die Rückseite deines Hundefutters angeschaut und dich gefühlt, als bräuchtest du ein Chemiestudium, um die Zutatenliste zu verstehen?

Die Vorderseite glänzt mit Bezeichnungen wie „Rindermenü", „reich an Rind" oder „mit saftigem Rind" – untermalt von Bildern frischer Steaks. Doch die Ernüchterung folgt beim Blick auf das Kleingedruckte. Was viele Hundehalter nicht wissen: Diese Begrifflichkeiten sind europaweit über das Futtermittelrecht (EG-VO 767/2009) rechtlich strikt geregelt und haben mit einem hohen Fleischanteil oft absolut nichts zu tun. Ein hoher Preis oder ein wunderschönes Design sind leider keine Garantie für ein hochwertiges Futter.


Offene vs. geschlossene Deklaration: Das Versteckspiel der Hersteller

Auf dem Futtermittelmarkt wird zwischen verschiedenen Arten unterschieden, wie Zutaten aufgelistet werden dürfen. Hier trennt sich oft schon die Spreu vom Weizen.

Die geschlossene Deklaration – Das Buch mit sieben Siegeln

Hierbei werden die Inhaltsstoffe in gesetzlich vorgeschriebene Kategorien zusammengefasst. Ein typisches Beispiel auf dem Etikett: „Getreide (u.a. 4 % Weizen), Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (u.a. 4 % Rind)".

Was das wirklich bedeutet: Du weißt nicht, was konkret im Napf landet. Für den Hersteller hat die geschlossene Deklaration den großen Vorteil extremer Flexibilität beim Mischen: Bekommt er eine Fleischart gerade nicht günstig, kann er das Mischungsverhältnis der Tierarten jederzeit verändern, ohne das Etikett anzupassen. Für Hunde mit Allergien oder Unverträglichkeiten ist das ein absolutes No-Go.

Die offene Deklaration – Die ehrliche Variante

Hier wird jede einzelne Zutat mit ihrem genauen prozentualen Anteil beim Namen genannt. Ein typisches Beispiel: „Muskelfleisch vom Pferd (30 %), Pferdeherz (30 %), Topinambur (36 %) …".

Was das wirklich bedeutet: Der Hersteller legt alle Karten auf den Tisch. Du kannst den realen Fleischanteil nachvollziehen, genau sehen welche Innereien verwendet wurden und das Futter auch bei Allergikern sicher einsetzen. Das schafft Vertrauen und ist die Grundvoraussetzung für eine transparente Fütterung.

Die Werbe-Codes entschlüsselt: Die 4-Prozent-Hürde

Sobald eine Tierart im Text oder durch Grafiken besonders hervorgehoben wird, muss der Gesetzgeber eine Prozentangabe fordern. Das Regelwerk legt dabei genau fest, wie viel von der genannten Tierart tatsächlich im Futter stecken muss.

0 %

„Geschmack nach Rind" / „mit Rinderaroma"

Hier muss überhaupt kein Fleisch vom Rind enthalten sein. Der Geschmack wird rein über sensorische Zusatzstoffe – künstliche oder natürliche Aromastoffe – erzeugt.

4 %

„mit Rind"

Die einfache Formulierung „mit Rind" verpflichtet gesetzlich zu lediglich mickrigen 4 % der genannten Tierart. Die restlichen 96 % der Fleischkategorie können bei geschlossener Deklaration von anderen Tierarten stammen.

14 %

„reich an Rind" / „viel Rind"

Das klingt nach einer Fleisch-Oase, bedeutet rechtlich aber nur, dass der Anteil der genannten Tierart bei knapp einem Siebtel des Gesamtfutters liegt.

26 %

„Rinder-Menü"

Erst wenn ein Produkt als direktes „Menü" oder „Erzeugnis" deklariert wird, muss der Anteil bei etwas mehr als einem Viertel liegen.

100 %

„ausschließlich Rind" / „pur" / „100 % Rind"

Nur bei diesen Bezeichnungen kannst du dir sicher sein, ein rein monoproteines Futter vor dir zu haben. Das ist die einzige Wahl, die für Allergiker wirklich geeignet ist.

Der Reihungs-Trick und die Sache mit den „Nebenerzeugnissen"

In der Zutatenliste werden alle Inhaltsstoffe in absteigender Reihenfolge ihres Gewichts zum Zeitpunkt der Herstellung aufgelistet. An erster Stelle steht also die Zutat, die am meisten enthalten ist.

Der Frischfleisch-Trick

Vorsicht bei der Angabe von reinem Frischfleisch: Es besteht zu 70–80 % aus Wasser. Im Herstellungsprozess wird dieses Wasser entzogen – nach dem Trocknen schrumpft der reale Fleischanteil massiv zusammen und würde auf der Waage eigentlich viel weiter hinten landen. Das Frischfleisch steht trotzdem ganz oben auf der Liste – ein legaler, aber optisch irreführender Trick.

Was steckt hinter „Nebenerzeugnissen"?

Die gesetzliche Gruppe „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse" umfasst neben hochwertigem Muskelfleisch auch alle Nebenprodukte aus der Verarbeitung von Tierkörpern. Innereien wie Leber oder Niere liefern wichtige native Nährstoffe und Vitamine. Stehen jedoch minderwertige, schwer verdauliche Komponenten wie Lunge, Euter, Schwarten, Schlund oder Luftröhre im Vordergrund, sinkt die Verdaulichkeit des Futters massiv. Bei sensiblen Hunden kann das zu weichem Kot oder Blähungen führen.


Die analytischen Bestandteile: Was bedeuten Rohasche & Co.?

Unter den „analytischen Bestandteilen" findest du die Laborwerte des Futters (Weender Analyse). Sie werden als „Roh"-Nährstoffe angegeben, weil sie Stoffgruppen erfassen – keine Aussage über die Qualität einzelner Nährstoffe liefern.

Rohprotein

Definiert den gesamten Stickstoffanteil im Futter. Der Wert unterscheidet nicht, ob das Protein aus leicht verdaulichem Muskelfleisch stammt oder aus schwer verdaulichen Schlachtabfällen.

Rohfett

Die Gesamtheit aller Fette und Fettsäuren. Zu viel Fett kann die Bauchspeicheldrüse belasten; zu wenig Fett führt zu Energiemangel und stumpfem Fell.

Rohfaser

Der Anteil an unverdaulichen Pflanzenfasern (pflanzliche Zellwände). Sie dienen als Ballaststoffe für eine gesunde Darmbewegung.

Rohasche

Der anorganische Anteil, der nach einer Verbrennung des Futters übrig bleibt. Er zeigt den Gehalt an Mineralien und Spurenelementen. Ein zu hoher Wert deutet oft auf einen übermäßigen Einsatz von Knochen hin.

Wichtig zu wissen

Der fehlende Kohlenhydrat-Wert

Der Kohlenhydrat-Anteil (NfE = stickstofffreie Extraktstoffe) wird auf der Verpackung nicht direkt angegeben und muss rechnerisch ermittelt werden:

Trockensubstanz − (Rohprotein + Rohfett + Rohfaser + Rohasche)

Willst du Trockenfutter und Feuchtfutter fair miteinander vergleichen, musst du die Werte immer zuerst auf die Trockensubstanz (TS) umrechnen – sonst verliert das Feuchtfutter durch seinen hohen Wasseranteil optisch.

Zusatzstoffe: Chemie-Keule oder Lebensretter?

Neben den Zutaten müssen auch Zusatzstoffe deklariert werden, wobei sich die Mengenangaben immer auf 1 kg Futtermittel beziehen.

Ernährungsphysiologische Zusatzstoffe

Vitamine und Spurenelemente wie Zink, Kupfer, Eisen oder Jod. Sie sind Pflichtangaben inklusive Mengenangabe, wenn ein gesetzlicher Höchstwert vorliegt. Wichtig: Reine Mineralien wie Calcium oder Phosphor gehören rechtlich zu den Zutaten – nicht zu den Zusatzstoffen.

Technologische Zusatzstoffe

Konservierungsmittel (gegen Schimmel und Bakterien) oder Bindemittel wie Guarkernmehl oder Carrageen. Bindemittel können die Kotkonsistenz beeinträchtigen und weichen Stuhlgang verursachen.

Sensorische Zusatzstoffe

Farb- und Aromastoffe, die das Aussehen oder den Geschmack des Futters künstlich aufwerten. Sie dienen ausschließlich dem Marketing – nicht der Gesundheit deines Hundes.

Wann braucht ein Futter viele Zusätze?

Ein Blick auf die ernährungsphysiologischen Zusätze verrät, wie viel synthetische Unterstützung das Futter benötigt. Fehlen natürliche Nährstoffquellen wie Innereien (Leber), wichtige Vitamine (A und D) oder Calciumquellen (Knochenmehl, Eierschale), müssen diese zwingend als Zusatzstoff ergänzt werden. Kaum ein Fertigfutter kommt ohne synthetische Zusatzstoffe aus – das muss nicht schlecht sein, zeigt aber den Verarbeitungsgrad des Futters.


Fazit: Lass dich nicht blenden

Bunte Bilder von saftigen Steaks auf der Vorderseite sind reines Marketing. Die Wahrheit über die Gesundheit deines Hundes steht immer auf der Rückseite. Wer lernt, das Etikett zu entschlüsseln – Deklarationsart, die 4-Prozent-Hürde, Nebenerzeugnisse und analytische Bestandteile – hat einen echten Vorsprung beim nächsten Einkauf.

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Foto: Jessica Farchmin